- Auszug
Das kolorektale Karzinom (KRK) ist mit über 1,9 Millionen Diagnosen pro Jahr weltweit die am dritthäufigsten diagnostizierte bösartige Erkrankung und die zweithäufigste Ursache für Krebssterblichkeit, verbunden mit über 900.000 Todesfällen. Aus der ganzen Welt weisen Forscherteams aus dem Bereich chemoprotektive Arzneimittel darauf hin, dass das bekannte Schmerzmittel Aspirin® (Acetylsalicylsäure – ASS) vielleicht die vielversprechendste Substanz ist, um Fallzahlen und KRK-Mortalität zu reduzieren. Schlagende Evidenz aus zahlreichen klinischen Studien beweist, dass sich die Langzeitanwendung von ASS positiv auf die KRK-Prävention und Behandlung auswirkt. [i] Das sind gute Neuigkeiten, doch gilt es zu beachten dass ASS nicht bei allen KRK-Typen hilft, und dass es zu verstehen ist als hilfreich bei der Reduzierung des Risikos an KRK zu erkranken und daran zu sterben. ASS-Langzeitanwendung erhöht zudem das Risiko gastrointestinaler Blutungen.
ASS-induzierte „Umkehr des Zellzustands“
Die meisten Chemotherapeutika und Bestrahlungen des „Behandlungsstandards“ sollen Krebszellen abtöten und eliminieren. Durch ASS werden Krebszellen hingegen nicht abgetötet, sondern wieder in Normalzustand versetzt. Sprich, ASS unterstützt die Zellhomöostase, also die dynamische und unaufhörliche Interaktion zahlreicher Wirkungsweisen, die optimale Zellstrukturen und -fnktionen wiederherstellen und aufrechterhalten. In einem kürzlich publizierten Artikel beschreiben Forscher von Tahoe Therapeutics Homöostase als „Umkehr des Zellzustands“. Ihre Arbeit befasst sich mit der Erforschung der Fähigkeit von Arzneimitteln die Homöostase zu unterstützen und normale Zellzustände wiederherzustellen. „Bei vielen Krankheiten“, so heißt es, „haben wir es im Kern mit erkrankten Zellen zu tun. Ein Zelle, die ruhen sollte, vermehrt sich. Ein Zelle, die sich differenzieren sollte, stockt. Ein Zelle, die Signale an angrenzende Zellen senden sollte, verstummt oder sendet falsche Signale aus.“ [ii] [iii]
Genetische Expression normalisieren
Zellhomöostase wird vom Tahoe-Team als genetische Expression aufgefasst. Die Gene (die DNA oder genetische „Ausstattung“) regulieren den Zellzustand. Dazu duplizieren sie sich, um gespeicherte Informationen auf ihre Duplikate zu „kopieren“, die dann als DNA-Boten fungieren. Diese Boten-RNA ("messenger"-RNA / mRNA) wird Transkriptom genannt und „kodiert“ Proteine, die die unzähligen Prozesse orchestrieren, die in der Zelle und schließlich im ganzen Organismus stattfinden. Homöostase so aufzufassen, so das Tahoe-Team, „zeigt vielversprechende und bisher wenig erforschte Wege zur Arzneimittelbewertung auf. Ob eine Verbindung eine erkrankte Zelle tötet oder daran hindert, einen bestimmten Zustand zu erreichen, ist gewiss eine Frage, doch wir können weiter gehen: Versetzt das Arzneimittel die transkriptomische Identität der Zelle wieder in den Normalzustand?“
Arzneimittel durch Messung der Zellzustandsumkehr bewerten
Die Genexpressions-Screening-Technik von Tahoe, die den Namen „100M“ trägt, weil ihre Datenbank aus 100 Millionen Zellen, 60.000 Experimenten und Hunderten von Verbindungen besteht, die in genau definierten Krebsmodellen untersucht wurden, nutzt das Prinzip der „Umkehr des Zellzustands“, um die Wirksamkeit therapeutischer Wirkstoffe zu messen. „Wenn man auf Ebene der Genexpression messen kann, wodurch sich erkrankte von gesunden Zellen unterscheiden, und wie sich ein Arzneimittel auf das Transkriptom [das Boten-RNA-System] dieser Zelle auswirkt, dann kann man jedes Mittel danach bewerten, wie gut es diese Lücke füllt. Ein Mittel, dass die Krankheitssignatur umkehrt (die Expression wieder auf das gesunde Modell zurücksetzt), versetzt die Zelle wieder in den Normalzustand, und das ist präzise messbar.“ Angewendet aufs Krebsmittel-Screening, übertrifft dieser Ansatz die gängige Praxis, die sich nur auf eines oder eine begrenzte Anzahl von physisch oder biochemisch beobachtbaren Zellmerkmalen konzentriert, deren Blockade oder Änderung zum Zelltod führen.
Klinische Ergebnisse optimieren
Das Gros der Chemotherapieforschung übersieht tendenziell, wie sich bestimmte Zellfunktionen entwickeln, wie metabolisches Gleichgewicht hergestellt wird und wie interne Signalstrukturen restauriert werden. Die meisten Chemotherapeutika sind „unspezifisch“, was bedeutet dass sie auch gesunde Zellen angreifen und zu schweren Nebenwirkungen führen. Arzneimittel, die homöostatisch vielseitiger auf die Zelle einwirken, töten sie nicht unbedingt „in der Petrischale“, „könnten aber die Krankheitsentwicklung im Patienten umkehren“. Die Umkehr des Zellzustands umfasst die Gesamtheit der homöostatischen "Treiber" der Zelle und bietet daher eine komplementäre Sicht. „Statt ,Tötet der Wirkstoff die Zelle‘?“, fragt sich das Tahoe-Team: „Beeinflusst der Wirkstoff die zelluläre Genexpression, sodass es weniger nach Tumor und eher nach normalem Gewebe aussieht?“ So wird das „ganze Spektrum der Krebskennzeichen“ ausgebildet, was schließlich auch klinische Ergebnisse optimieren könnte.
Salicylsäure bringt’s
Beim Testen einer Reihe routinemäßig verschriebener Chemotherapeutika bei kolorektalem Karzinom erkannten die Tahoe-Forscher, dass „das vielleicht interessanteste Signal von Natriumsalicylat kommt“, dem Natriumsalz der Salicylsäure. Aspirin® besteht aus Salicylsäure und einer Acetylgruppe. Angesichts der Tatsache, dass die klinischen KRK-Studien mit Aspirin® durchgeführt wurden (Acetylgruppe + Salicylsäure/ASS), ist also für die KRK-Behandlung das Salicylat, nicht die Acetylgruppe relevant. „Nach Tahoe 100M […] bewirken Salicylat und Salicylsäure eine stärkere Krebssignatur-Umkehrung als Aspirin an sich.“ Dies hilft zu verstehen, dass es die zusätzliche Acetylgruppe von Aspirin® ist, die gezielt das Enzym (Cyclooxygenase – COX) hemmt, das eine molekulare Kettenreaktion auslöst, die schließlich zu Fieber, Schmerzen und Entzündungen führt. Das stärkere Signal der Salicylsäure legt nahe, dass ein COX-unabhängiger Mechanismus die Umkehr des Zellzustands verursacht. Das heißt nicht, dass ASS nicht so wirksam ist wie Salicylsäure selbst, erklärt hingegen, welcher Teil von Aspirin® in Krebszellen homöostatisch wirkt.
Unerwünschte Ereignisse bei Langzeitanwendung von Aspirin®
Nun stellt sich vielleicht die Frage, was das mit Masquelier’s OPCs zu tun hat. Das Problem ist, dass die Langzeitanwendung von Aspirin® zu Magengeschwüren und gastrointestinalen Blutungen führen kann. Beides sind bekannte ASS-Anwendungsrisiken. In einer kürzlich publizierten ASS-KRK-Studie im New England Journal of Medicine bestätigte die schwedische ALASCCA Study Group das KRK-Behandlungspotenzial von ASS, berichtete aber auch, dass „nicht schwerwiegende unerwünschte Ereignisse unterschiedlicher Ursache bei 43,4 % der Patienten auftraten, die Aspirin erhielten, gegenüber 35,4 % in der Placebogruppe. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten bei 16,8 % der Aspirin-Anwender auf, gegenüber 11,6 % in der Placebogruppe; am häufigsten waren in beiden Gruppen solche bezüglich des Magen-Darm-Trakts (6,5 % ggü. 3,9 %) sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen (5,8 % ggü. 4,2 %).“ [iv] Hier kommen Masquelier’s OPCs ins Spiel, denn es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass sie die negativen Wirkungen von Aspirin® mindern.
Aspirin® und Masquelier’s OPCs
Die verursachten Nebenwirkungen kommen daher, dass ASS die Kapillarfragilität erhöht und dadurch Blutungen (Hämorrhagien) verursachen kann. Darum gilt es als kapillartoxisch. Andererseits sind Masquelier’s OPCs kapillarfreundlich, weil sie die mikrovaskuläre Homöostase effektiv unterstützen. Um zu beweisen, dass Masquelier´s OPCs die Kapillarpermeabilität restaurieren und normalisieren, kann man die negativen Wirkungen von Aspirin® auf die Mikrovaskulatur heranziehen. Dazu gibt man zwei Gruppen Aspirin®, einer mit OPCs und einer mit einem inerten Placebo, und beobachtet was passiert.
Die Dubos-Studie
Genau dies tat ein französisches Ärzteteam vom Universitätskrankenhaus in Grenoble (Frankreich) vor bereits einigen Jahren. Sie entdeckten, dass Masquelier’s OPCs die normale Kapillarresistenz bei älteren Patienten vollständig wiederherstellen können, deren Kapillarresistenz davor durch tägliche Einnahme von 1000 mg Aspirin® während 2 Wochen signifikant geschwächt wurde. Auf diese Periode nahm die Kontrollgruppe während eines Zeitraums von 30 Tagen weiter ein inertes Placebo & Aspirin® ein, während die Testgruppe weiter Masquelier´s OPCs & Aspirin® einnahm. Die Kapillarpermeabilität der Aspirin®-OPC-Gruppe hatte sich bei 12 der 15 Patienten wieder deutlich normalisiert. Die Kapillarresistenz der Aspirin®-Placebo-Gruppe blieb bei 13 der 15 Patienten unterdurchschnittlich. [v] Das erlaubt einen klaren Schluss. Ärzteschaft und Patienten, die das Potenzial von Acetylsalicylsäure (ASA) für die Umkehr des Zellzustands in der Prävention und Behandlung des Karzinoms nutzen wollen, sollten Masquelier’s OPCs damit kombinieren, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen.
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[I] Chunfeng Liu, Matjaz Rokavec, Zekai Huang, Heiko Hermeking (2023): Salicylate induces AMPK and inhibits c-MYC to activate a NRF2/ARE/miR-34a/b/c cascade resulting in suppression of colorectal cancer metastasis, Cell Death & Disease 14(10):707, 28. Okt. DOI: 10.1038/s41419-023-06226-9
[ii] Tahoe Therapeutics; San Fransisco / Kalifornien
[iii] Reversal as a Drug Discovery Strategy: The Search for Perturbations That Restore Normal Cell States; Using Tahoe 100M to prioritize drugs by their ability to reverse the cancer cell state, Tahoe Therapeutics, 11. Feb. 2026,
[iv] Anna Martling, M.D., Ph.D., Ida Hed Myrberg, M.Sc., Mef Nilbert, M.D., Ph.D., Henrik Grönberg, M.D., Ph.D., Fredrik Granath, Ph.D., Martin Eklund, Ph.D., Tom Öresland, M.D., Ph.D. und 12 weitere Personen für die ALASCCA Study Group (2025): Low-Dose Aspirin for PI3K-Altered Localized Colorectal Cancer, 17 Sept. N Engl J Med 2025, 393:1051-1064, DOI: 10.1056/NEJMoa2504650. Copyright © 2025
[v] G. Dubos, G. Durst et R. Hugomot (1980): Evolution de la résistance capillaire, spontanément ou artificiellement diminuée par l’action d’une substance capillaro-toxique chez des personnes âgées, La Revue de Gériatrie, Sept. Information Thérapeutique.